Autor: Peter Carey

Verlag: S. Fischer

24 €

Leseprobe aus:

Peter Carey

Das schnellste Rennen ihres LebensRoman

 

Dass ein Mädchen sich gegen einen Vater durchsetzen muss, ist ja schon eine Herausforderung, aber in diesem Falle standen gleich zwei zwischen mir und dem Ziel meiner Träume, und das war – um nicht um den Brei herumzureden – ein süßer kleiner Bursche namens Titch Bobs.Der erste der beiden Väter war mein eigener. Als er dahin-terkam, dass ich, seine klitzekleine Irene, sein Mäuschen, seine Mademoiselle im Miniaturformat, ohne ihn zu fragen, einem Mann von eins einundsechzig einen Heiratsantrag gemacht hatte, da spuckte er beim Frühstück seine Wheaties gleich wie-der aus.Der zweite Vater war der von Titch. Der zündete wie eine Rakete, war hundert Prozent Feuer und Flamme. Ich war sein Augenstern, sein Wonneproppen, bis ich ihm dann, auf dem Flur beim Kleiderständer, doch eine knallen musste.Meine Schwester war älter als ich und »hatte Erfahrung«. Sie konnte gar nicht glauben, dass ich mir einen so kleinen Knirps als Ehemann ausgesucht hatte. Wollte ich etwa eine Mäusemannschaft großziehen? Zum Totlachen. Beverly selbst maß eins sechzig und löste am laufenden Band Verlöbnisse, mit dem langen Lulatsch oder dem dicken Dino oder diesem berühmten Fußballspieler, aber ich werde bestimmt nicht so blöd sein, den Namen zu nennen. Ich hätte mich ja nicht mal getraut, dem die Hand zu geben, von allem anderen ganz zu schweigenBeverly hatte sich die Suppe selbst eingebrockt und musste sie dann auch auslöffeln, sechsunddreißig Stunden Wehen, Ba-bys mit kürbisdicken Köpfen. Meine eigenen Kinder waren so winzig und wohlgeformt wie ihr Daddy, perfekt in den Propor-tionen, in der Anmut ihrer Bewegungen, mit rosa Apfelbäck-chen, die sie von Titch geerbt hatten, und dem Lächeln von mir. Meine Schwester konnte es nicht ertragen, dass ich so glücklich war. Jahrelang hat sie nach Beweisen dafür gesucht, dass »alles nur Schau« war. Als ihr erster Ehemann sich nach Neuseeland absetzte, schrieb sie mir in einem gehässigen Brief, mir sei ja mein Mann wichtiger als meine Kinder. Für sie seien ihre Jungs ihr Ein und Alles. Sie wisse ja, schrieb sie, dass ich Titch nur wegen seines Geldes geheiratet hätte. Natürlich war sie da ge-rade schlecht drauf. Kann man ja auch verstehen. Der Mann, den sie geheiratet hatte, war ein Mistkerl. Sie sei geschieden »ohne einen Penny«, könne sie da jetzt bitte in unser Eltern-haus ziehen, das Haus, das wir beide geerbt hatten und dessen Verkauf sie immer verhindert hatte? Hätten Titch und ich das Geld brauchen können? Auf die Idee kam sie nicht. Hätten wir dann ein ganz anderes Leben führen können? Allerdings. Ich überließ ihr das Haus für ein Butterbrot an Miete und behielt für mich, was ich darüber dachte.Beverly sagte immer gern, ich sei eigensinnig, eine Idee, die sie von Mum hatte. Aber Mum mochte den Eigensinn an mir. Sie hat sich immer gefreut, wenn ich meinen Kopf durch-setzte. Natürlich war Mum irgendwie genauso, und sie hatte so schöne ebenmäßige Zähne, so zarte Wangenknochen, da tat man einfach alles, um sie lächeln zu sehen, selbst wenn man ihr eine Waschmaschine dafür kaufen musste. Sie hat Dad dazu gebracht, den Ford anzuschaffen, und das wiederum war der 11Grund dafür, dass Titch vor unserer Tür stand, in Geelong, Victoria, Australien. Es war der 8. Mai 1945, V-E Day, der Tag des Kriegsendes in Europa.Keiner wird je wissen, was Mum mit dem Ford vorhatte. Sonntags nach der Kirche nach Colac fahren und ihre Schwes-ter besuchen? Die Geschichte hat nicht mal Dad ihr abgenom-men. Trotzdem hat er den Scheck für den Autohändler ausge-stellt, für Dan Bobst, der, wie ich erfuhr, als ich am V-E Day die Haustür aufmachte, uns noch »gratis« Fahrstunden dazu-gegeben hatte, erteilt von seinem Sohnemann. Und Himmel, was war dieser Sohnemann für eine Augenweide, da auf der Veranda, an diesem Dienstagmorgen mit dem Pappkoffer in der Hand. Er würde, erfuhr ich, auch bei uns wohnen.Aber die arme Mum sollte nie dazu kommen, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, und dann herrschte ein solches Durcheinander, und wir hatten alle so viel mit der Beerdigung zu tun, dass keiner daran gedacht hat, den jungen Mann wie-der wegzuschicken. Er wusste nicht, wohin er sonst sollte, und so »packte er seine Siebensachen aus« und »wartete auf seine Befehle«, wie er später immer gern sagte. Der Ford stand wei-terhin in der Auffahrt, und keiner sah ihm an, dass er jetzt zum Nachlass der Verstorbenen gehörte.Mum lag also auf dem Friedhof von Mount Duneed, und unser neuer Logiergast war der Einzige, der mir dabei half, ihre Sachen durchzusehen. Er kam nie auf das Auto zu sprechen oder die Fahrstunden, die er der Verstorbenen hatte geben sol-len. Er wollte wissen, ob ich fahren kann. Ich antwortete, wenn er um sechs Uhr zurück sei, könne er mit uns zu Abend essen. Mitten in all der Traurigkeit war dieser hübsche rotback ige Mann ein großer Trost für mich, den ich um nichts hätte mis-12sen wollen. Ich hielt den Atem an. Ich kochte für ihn, und er aß alles bis zum letzten Bissen und half mir dann noch beim Abwasch. Er war gepflegt. Als ich weinte, tröstete er mich. Er verstreute Talkumpuder auf dem Fußboden im Bad.Abends am Western Beach, wo man die Ankerketten der alten Kriegsschiffe in der Corio Bay seufzen hörte, erzählte er mir Geschichten über seinen Vater. Er fand sie lustig. Diese Ge-schichten waren wichtiger als ich dachte. Aber so oder so trieb es mir die Tränen in die Augen zu hören, dass dieser wunder-bare Junge sich den Arm gebrochen hatte, als er am Flugzeug seines grässlichen Vaters den Propeller hatte anwerfen müssen, dass dieser alte Grobian ihm das Landen beigebracht hatte, indem er sich hinter ihn gesetzt hatte, auf den Navigatorsitz des Eindeckers, und seinen schmalen Rücken so lange mit Faustschlägen traktiert hatte, bis er den Steuerknüppel weit genug vordrückte, und dass er ihn mutterseelenallein bei zwei alten irischen Junggesellen in Bullengarook gelassen hatte, bis die beiden gelernt hatten, den gekauften Wagen zu fahren. Der junge Mann hieß Titch – was bei uns so viel wie Zwerg oder Steppke heißt – , manchmal aber auch Zac, ein anderes Wort für den Sixpence, und ein Zac war also ein halber Shilling oder ein halber Bob, wobei Bob natürlich auch der Nachname seines Vaters war. Na, egal. Himmel, für mich war er immer nur Titch, und anscheinend war ich nur auf Erden, um dei-nen gemarterten Leib zu lieben, und deine glückliche Kobold-seele.Wie konnte ich denn vorhersehen, liebe Beverly, was für eine Art Leben mein Herzliebster für mich in petto hatte? Als ich Titch zum ersten Mal sah, war unser Dad noch am Leben. Meine Kinder waren noch nicht auf der Welt. Ich wusste nicht, 13wie man Auto fährt. Wir waren noch nicht im Zeitalter von Holden kontra Ford angekommen. Ja, auch den Redex Around Australia Reliability Trial gab es noch nicht, das größte austra-lische Autorennen des Jahrhunderts, obwohl ja genau das die Geschichte ist, die ich eigentlich hier erzählen will.Ich habe an dem Tag geheiratet, an dem ich meinen Führer-schein bekam. Ich selbst chauffierte uns die hundert Meilen bis Warragul. Später zogen wir nach Sale, dann nach Bairnsdale, wo Titch Fords verkaufte, im Namen seines Vaters, der ihn je-des Mal bei der Provision übers Ohr gehauen hat. Mein junger Ehemann war in so gut wie jeder Hinsicht vollkommen, das wusste ich schon, bevor ich seine wahre Stärke überhaupt er-kannt hatte, und das war etwas, was man bei einem Autohänd-ler als Allerletztes vermutet hätte. Er konnte nämlich einfach nicht lügen – so sah es zumindest aus. Nie übertrieb er, außer wenn er Witze machte. Er war lustig, er war frech. Er sagte zu mir, die Kunst, keine Prügel abzubekommen, habe er zur Voll-kommenheit entwickelt, und das war gut so, wenn man sah, in was für Bars er seine Geschäfte abschloss.Wir wohnten in Pensionen oder möblierten Zimmern und aßen ganze Hammelherden, aber, so unglaublich das klingt, wir waren glücklich, selbst zu den Zeiten, zu denen sein Dad im Zimmer nebenan wohnte. Manchmal lachten wir uns buch-stäblich krank, kugelten uns an Sonntagnachmittagen auf dem Fußboden vor Lachen. Wer hätte mehr verlangen können?Mein Schwiegervater lungerte immer irgendwo in der Nähe. Ich habe Titch nie gesagt, was er mir alles an widerwärtigen Angeboten gemacht hat. Er hat das Gott sei Dank nie mit an-hören müssen. Und mein Mann bekam anscheinend auch nicht mit, was alles an Beleidigungen ihm gegenüber fiel. Dan Bobs 14war kein gutaussehender Mann, aber er war so unablässig mit dem Kamm zugange, dass ihm am Ende sämtliche Haare aus-fielen. Titch bemerkte diese Eitelkeit nicht. Er saß einfach dabei und hörte sich an, wie der Dreckskerl von morgens bis abends mit seinen Heldentaten prahlte. Ich habe das jahrelang ausge-halten, bis der Alte schließlich in Melbourne eine Frau fand, die ihn ertragen konnte. Als er in einer Anzeige im Warragul Express bekanntgab, dass er sich zur Ruhe setze, wagte ich nicht, es zu glauben.Dan hatte ein Album mit Zeitungsausschnitten aus seinem ganzen Leben. Als Erster in Australien hatte er einen Flugschein erworben. Es gab Berichte über seine Bruchlandungen. In Fords war er Rennen von Melbourne nach Sydney gefahren. Er hatte den Milchbauern auf den schlammigen Weiden von Gippsland Autos verkauft, auf den flachen Vulkanebenen von Sunbury; Geschäfte im alten Stil, das heißt, er ließ den Käufern jeweils seinen Sohn da, der ihnen das Fahren beibrachte. Und das wollte er jetzt wirklich aufgeben? Oder war dieser »Rückzug« auch nur wieder ein Mittel, um in die Schlagzeilen zu kommen?Edith war da schon sieben. Ronnie war eben zur Welt ge-kommen. Ich habe ihn in den Kinderwagen gesteckt, damit ich mithelfen konnte, die Sachen von seinem Großvater auf den Anhänger zu laden. Als er aufwachte, hatte Ronnie die Windeln voll, und er hatte Hunger, aber ich ließ ihn schmoren, bis ich die Plane über dem schmierigen Krempel von Dan fest-gezurrt hatte. Und selbst da wartete ich noch ab, bis das rote Rücklicht hinter der nächsten Ecke verschwunden war.Bald bekamen wir eine Postkarte von einer »Mrs Donald-son«, die sich als »Haushälterin« des Alten vorstellte. Als Nächstes folgte ein Artikel, ausgeschnitten aus dem Mordialloc 15Advertiser. Dort, mitten in Melbourne, hatte er einen Betrieb als Altmetallhändler aufgemacht. Mrs Donaldson schrieb, sie hätten »einen großen Garten«. »Danny« hätte über der Ein-fahrt ein Schild angebracht: DER ÄLTESTE FLIEGER DER WELT. Er verkaufte ausgemusterte Armeebestände und dann und wann auch einen Gebrauchtwagen. Und noch ein Schild: WAS IHR HIER NICHT FINDET, DAS FINDET IHR AUFDIESER ERDE NICHT. Sie schickten ein Foto: Es zeigte die »umgestaltete« Veranda – das Dach ruhte nun auf Flugzeug-propellern.EX-FLIEGER SETZT SICH IN WATTLE STREET ZUR RUHE.Dan ging uns nie direkt um Geld an. Stattdessen stand er zum Beispiel mit einer Wasserpumpe für einen 46er Ford vor der Tür. Titch brauchte die nicht, aber seinem Dad konnte er nie etwas abschlagen.Beverly würde sagen, dass ich immer meinen Willen durch-setze, aber in Wirklichkeit war es Beverly, die ihren Willen durchgesetzt, die sich keine Arbeit gesucht, ihren Hintern nicht aus dem Haus in Geelong gekriegt hat. Das Haus war so viel Geld wert, damit hätten wir einen Autohandel aufmachen kön-nen, aber Titch hat es nie zur Sprache gebracht, mir nie Vor-würfe gemacht, nie darauf bestanden.Als Dan bei uns ausgezogen war, um von da an Mrs Donaldson zur Last zu fallen, fand ich ein Haus und Grundstück für uns in Bacchus Marsh, einer Kleinstadt in einer ländlichen Gegend, die Titch schon lange kannte. Titch träumte davon, einen Gebrauchtwagenladen aufzubauen, und eines Tages wür-den wir dann Fordhändler sein. Das hatte ich bei meiner Ent-scheidung für das Haus im Hinterkopf. Es hatte ein riesiges 16Grundstück und einen großen Schuppen über die ganze Breite des hinteren Zauns. Titch war hellauf begeistert.Das, könnte man sagen, ist der Anfang der Geschichte, auf dem Grundstück, unter den kritischen Blicken unseres Nach-barn, eines blonden Junggesellen mit kräftigem Kinn, dafür ohne Hintern, Hose festgezurrt, zerknittertes Gesicht, auf der Stirn tiefe Sorgenfalten. Als er bei uns auftauchte, war ich im Blaumann, Schraubenschlüssel in der Hand. Er selbst hielt ein Sieb, streckte es mir entgegen wie ein Geschenk, und mir fiel gleich die kummer- und doch liebevolle Art auf, die er gegenüber den Kindern zeigte, und ich dachte bei mir, dass ich es womöglich noch bereuen würde, wenn ich zu freundlich zu ihm war, denn alles im Leben fängt mit Freundlichkeit an.Wir hatten nicht vor, ihn auszunutzen.